Wir sind die Roboter
Der Frühling ist nun seit einigen Tagen sogar in meiner Ecke der Welt angekommen und beglückt die Nachbarschaft und mich mit Sonnenschein und angenehmen Temperaturen. Das gute Wetter war jedoch abzusehen, denn Vorboten kündeten es wie jedes Jahr lautstark an. Vor gut einer Woche erklang zuerst ganz einsam, danach in Kanons verschmelzend, das nervige Knattern der frisch aus dem Winterschlaf erwachten Rasenmäher die stolz Verkünden: “Elektrische Rasenmäher sind für Umweltschutzluschen!!!“.. ääääh, “Der Frühling ist da.”
Wie in jedem Jahr, sind in den Gärten nun hektische Aktivitäten zu beobachten. Im dem einen
steht ein Papa mit seinem Filius neben dem bezinfressenden, stinkenden Ungetüm und versucht dem aufgeregten Sprössling das Anlassen zu zeigen. Jedoch schafft es der Papa erst nach dem siebzehnten Anlauf und hochrotem Kopf den Motor zu Starten, um gleich danach dem schmächtigen Knaben an seiner Seite mit den Worten: “Siehst du, es ist ganz einfach und jetzt Du!” cool die Reißleine in die Hand zu drücken. In einem anderen Garten kann ein Grossangriff mit chemischen Kampfstoffen, auf die selbst Saddam neidisch wäre, wenn er noch könnte, auf alle Art von Unkraut beobachtet werden während derweil der Taraxacum sect. Ruderalia, dieser fiese kleine Korblütler, in der Schweiz auch unter schmeichelnden Namen wie Chrottepösche, Säutätsch, Saublueme, Schwiiblueme, Söiblueme, Sunnewirbel, Chetteblueme, Milchblueme, Ramschfädere, Weiefäcke, Buggele, Ziggorie, Hälistock bekannt, davon denkbar unbeeindruckt überall seine Blüten ins Licht streckt. Schlicht, es wird in einem Anfall von akutem Gruppenzwang geschnitten, gegossen und gehackt, gesprüht, gegraben und verstümmelt, gehegt und gepflegt was das Zeug hält.
So viel ich weiß, rätselt die Wissenschaft noch Heute über den Auslöser dieses gemeinschaftlichen Gartenaktivismus, man munkelt von einer vermehrten Ausschüttung spezieller Gartenbau-Hormone, ausgelöst durch die vermehrte Produktion von Vitamin E, welche wiederum durch den Kontakt frischer Sonnenstrahlen mit der Haut angeregt wird.
Doch ganz egal welche Ursache hinter dieser urzeitlichen Programmierung steckt, ich werde mich dieses Jahr nicht von ihr Knechten lassen, nein, ich nicht, und die Gartenarbeit auf das nötigste beschränken. Ja genau, das werde ich tun. Und jetzt muss ich dringend nach draußen, dieses Unkraut zwischen den Rosenstöcken treibt mich noch zur Weißglut…
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Montag 7. Juli 2008 um 21:22
Evolutionärwissenschaftlich könnte man dieses saisontypische Gehabe als Abwandlung des bei vielen Tierarten vorhandenen Euphorismus über frisches Grün deuten. Der gierige Hunger auf frisches Grün hat bei den Tieren meist ausgezehrte Vitaminspeicher und Mineralstoffmangel zur Ursache, beim Menschen könnte es der Jieper nach dem Gefühl der Beweglichkeit im Freien sein, der in Kombination mit den vielfältigen Maschinen - Spielzeugen in ein destruktiv orientiertes Schnippeln und Mähen uminterpretiert wird. Vielleicht verbirgt sich dahinter auch eine komorbiditäre narzißtische Störung, die über den negativ interpretierten Neid an der weiblichen Fröhlichkeit im Frühling von Männern aller Art damit abreagiert wird, indem sie über wehrlose Grashalme und Blätter herfallen. Diese Idee sollte allerdings eher mit etwas Humor im Tee betrachtet werden. Die natürliche Ursache der Angriffe auf den spriesenden Rasen sind vermutlich kultureller Schnickschnack — erworben über Generationen englisch angeleiteter Rasen-Ästhetiker und Gebüsch-Harakiri-isten.